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Solidarisch sein und sich emanzipieren

Bezirksreferent Christoph Diringer geht zum 1. Juli in den vorgezogenen Ruhestand
Solidarisch sein und sich emanzipieren
Solidarisch sein und sich emanzipieren
Christoph Diringer © privat
© Reichwein/Bistum LimburgChristoph Diringer im Gespräch mit Djibrillou Koura und der Misereor-Dolmetscherin Britta Brinkmann beim Misereor-Solidaritätsgang 2017.

Meist sind es die großen Ereignisse, an die sich Menschen im Rückblick auf ihr Berufsleben mit Stolz erinnern. Christoph Diringer dagegen fällt auf die Frage nach den Highlights spontan eine auf den ersten Blick unscheinbare Szene ein. Zwei Menschen im Gespräch auf einem Bauernhof in Wehrheim. Zwei Menschen, zwei Kontinente. Der Westafrikaner Djibrillou Koura aus Burkina Faso, im Rahmen des Misereor-Solidaritätsgangs zu Gast im Hochtaunus, und der ortsansässige Bio-Bauer. Ihr Thema: die Situation der Landwirtschaft, hier wie dort. „Solche Momente haben mir richtig Power gegeben“, sagt Diringer: „Weil es hilft, gemeinsam auf die Probleme dieser Welt zu schauen.“ Menschen und Themen zusammenzubringen und zu vernetzen, das ist eines der Anliegen, die dem Theologen und Pädagogen in seiner Arbeit am Herzen lagen. Das wird er vermissen. Zum 1. Juli muss der Bezirksreferent des katholischen Bezirks Hochtaunus mit 61 Jahren aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig in den Ruhestand gehen.

Zu aufmüpfig für das Bistum

15 Jahre lang, seit 2006, war Diringer „der inhaltliche Kopf des Bezirksbüros, kreativ, kompetent und mit Weitblick“, wie es sein langjähriger, ehemaliger Chef, Pfarrer und Bezirksdekan i.R. Paul Lawatsch, mit großer Wertschätzung sagt. Zuvor hatte er fünf Jahre das Katholische Bildungswerk Main-Taunus geleitet. Sein Start ins Bistum erfolgte 1989 in einem ganz anderen Umfeld - als Klinikseelsorger in der Psychiatrie. Dass er als „Grünschnabel direkt von der Uni“ mit einer solchen Aufgabe in den Beruf einstieg, hatte mit dem damaligen Personaldezernenten zu tun. Wenn es nach dem gegangen wäre, hätte Christoph Diringer gar nicht beim Bistum angedockt. Zu aufmüpfig erschien dem Personalchef wohl der junge Mann, der sich während seines Theologiestudiums in Sankt Georgen im AStA engagierte und dabei war, als 1983 die Philosophisch-Theologische Hochschule in Frankfurt zur atomwaffenfreien Zone ausgerufen wurde. Gleich zweimal jedenfalls lehnte der Dezernent den Bewerber für den pastoralen Dienst ab.

Für wen ist Kirche da

Bischof Franz Kamphaus aber wollte den kritischen Geist halten und schickte ihn, ausgebildet in einem Kurs der evangelischen Kirche, ins Waldkrankenhaus Köppern. Das sei emotional hart für ihn gewesen, räumt Diringer freimütig ein. Konfrontiert mit Themen wie Krankheit, Tod und psychische Krise habe er dennoch viel gelernt, über das existentielle Lesen und Verstehen der Bibel ebenso wie im Blick auf die eigene Lebensbiographie. Aufgewachsen ist der gebürtige Offenbacher in der Wetterau, wohin er mit seinen Eltern im Alter von sechs Jahren gezogen war. Die Kirchengemeinde in Petterweil sei sein „zweites Zuhause“ gewesen, erinnert sich Diringer. Dies und ein Freiwilligendienst bei der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste in Israel gaben den Ausschlag für die Studienwahl. So gut ihm das anspruchsvolle Fach gefiel, so schnell beschäftigte er sich im von ihm so empfundenen „Elfenbeinturm“ mit der aus heutiger Sicht immer noch sehr aktuellen Frage: „Für wen arbeiten wir als Kirche in der Welt?“ „Die Welt“ fand er dann doch eher an der Goethe-Universität, wo er auf der Suche nach „gutem Handwerkszeug, um Dinge zu vermitteln“ parallel ein Pädagogikstudium absolvierte. 

Spuren in der Welt

Als er sich nach seiner Zeit in der Klinikseelsorge zum zweiten Mal eine Abfuhr vonseiten des Bistums einholte, waren es die Themen Bildung und Friedensarbeit, die in den Mittelpunkt rückten und zu einem roten Faden seines Berufslebens wurden. Ab 1995 bildete er bei einem Ökumenischen Verein Friedensarbeiter aus, später war er zwei Jahre Referent für Friedensfragen beim Förderverein der katholischen Friedensbewegung pax christi, wo er als ausgebildeter Mediator unter anderem Schüler und Lehrer in Sachen Konfliktbearbeitung trainierte. Zu einigen der in der ganzen Welt engagierten Friedensarbeiter aus diesen Jahren, zum Beispiel Ana und Otto Raffai in Zagreb, hat er heute noch Kontakt und freut sich darüber, „dass meine Arbeit Spuren hinterlassen hat.“ 

Dass Gott ein Tätigkeitswort werde

Gesellschaftspolitische Fragen in der Kirche auf die Agenda setzen, das machte er sich nach 2000 als Aufgabe zu eigen, in der Leitung des Bildungswerks, aber auch als Bezirksreferent. Das von ihm zusammen mit der Katholischen Erwachsenenbildung und evangelischen Kollegen im Hochtaunus  aus der Taufe gehobene  Gesellschaftspolitische Forum brachte zweimal im Jahr brisante Themen in die Öffentlichkeit. Die Situation von Menschen in prekären Lebenssituationen stand regelmäßig auf der Tagesordnung. Der Einsatz für sie ist die Grundlage seines Verständnisses von Kirche. Sie muss diakonisch geprägt sein, ist Christoph Diringer überzeugt, und nennt ein Kurzgedicht von Kurt Marti als sein  Motto: „Wunsch: Dass Gott ein Tätigkeitswort werde.“ In seiner Arbeit wurde das an vielen Stellen konkret, angefangen beim Misereor-Solidaritätsgang, zusammen mit dem Bezirk Main-Taunus veranstaltet, bis hin zur Ökumenischen Wohnhilfe, in deren Vorstand er zehn Jahre mitwirkte. Ganz oben an stand seit 2015 die Flüchtlingshilfe, bei der auf  Bezirksebene das Engagement vieler Menschen auf breite Füße gestellt und unterstützt wurde. Dass das im bewährten ökumenischen Bündnis geschah, ist für ihn gerade in sozialen Fragen eine Praxis, „die ein enormes Zukunftspotential hat.“

Zugänge für all die Menschen, die auf der Suche sind

Solidarisch sein und sich emanzipieren - das sind für ihn nicht nur Schlüsselbegriffe seines eigenen Werdegangs. Auch die Zukunft der Kirche sieht er darin berührt: „alle wichtigen Themen finden sich darin, bis hin zu Maria 2.0“. Als Lernerfahrung nennt er in diesem Zusammenhang auch die Ereignisse rund um Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst. Diringer selbst hatte sich damals frühzeitig intern deutlich kritisch positioniert und mit der Organisation von zwei öffentlichen Diskussionsveranstaltungen mit großem Zulauf für Transparenz nach außen gesorgt. Heute ist er froh, dass Bischof Georg Bätzing die Kirchenentwicklung mit allen dazu gehörenden Fragen ganz oben ansiedelt. Kirche anschlussfähig machen an die Wirklichkeit und möglichst viele Zugänge entwickeln für all die Menschen, die auf der Suche sind, lautet sein eigenes Credo. Im Bezirk sei diese Perspektive bereits mit dem 2007 entwickelten Pastoralkonzept eingenommen worden. 

Gesellschaft im sozialen Lernprozess

Ganz grundsätzlich bekümmert es ihn „dass wir als Institution gerade ein gruseliges Bild abgeben.“ Manchmal sei es zum Verzweifeln, sagt er. Doch als ausgebildeter Gemeindeberater, der im Bistum fast 40 Prozesse begleitet hat, glaubt er fest daran, dass Systeme und Organisationen sich ändern können. Er ist davon überzeugt, „dass wir sozial als Gesellschaft lernen.“ Und dass die Kirche viel beizutragen habe. Für sich selbst wünscht er sich durch den erzwungenen  Ruhestand vor allem Entlastung bei der Gestaltung seines Alltags – und auf längere Sicht die Kraft, sich  ehrenamtlich weiter zu engagieren. 

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